Zurück zur Startseite

Presse

Haende mit Kerze und Stacheldraht

Zum nächsten Artikel

Holocaust-Gedenktag

"Die Schule ist keine Insel“

Schüler und Lehrer der IGS Osterholz-Scharmbeck veranstalten erstmals einen eigenen Holocaust-Gedenktag Osterholz-Scharmbeck. Der Historiker Markus Tiedemann hat beim ersten Holocaust-Gedenktag an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Osterholz-Scharmbeck Einblicke in die Arbeitsweise der rechten Szene gegeben. Der Buchautor und Uni-Professor aus Dresden machte den Schülern anhand von Beispielen die subtile Wirkung einfacher Parolen klar. Jugendliche des 13. Jahrgangs hatten zuvor eigene Arbeiten zum Thema auf großer Bühne präsentiert. In Vorträgen und Spielszenen, mit Musikstücken und Monologen traten sie für das Erinnern ein. Die vorgetragenen Notizen aus den berühmten Tagebüchern von Anne Frank brachten Schweigen und Stille in die große Sporthalle der Schule. Auf der Bühne skizzierte eine Schülerin den Lebensweg des jüdischen Mädchens, das einst mit der Familie vor den Nazis nach Holland geflohen war. Dort lebte es Jahre in einem Versteck, bis es entdeckt wurde – und kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus starb. Andere IGS-Schüler hatten unter anderem selbst geschrieben Rap-Titel vorgetragen, die Geschichte und das Leiden im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück beschrieben und Stationen der Reichspogromnacht in Osterholz-Scharmbeck benannt. Der Historiker Markus Tiedemann, Professor für Philosophie-Didaktik und Ethik an der Technischen Universität Dresden, ging in seinem Vortrag darauf ein, wie man Leugnern des Holocaust entgegentreten kann. Tiedemann hatte vor 25 Jahren ein Buch herausgegeben mit dem Titel „In Auschwitz wurde niemand vergast – 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt“. Er hält Vorträge in ganz Deutschland zum Thema und ist Ansprechpartner für Lehrer. In Osterholz-Scharmbeck ging er zunächst darauf ein, wie rechtsradikales Gedankengut bei Menschen verfangen kann. Dazu hinterfragte er unter anderem die Situation auf dem Land. „Wo geht ihr hin, um junge Leute zu treffen“, fragte er die Schüler. „In den Park?“ Während die meisten noch darüber nachdachten, lieferte er die Antwort. „Auf den Spielplatz oder an die Bushaltestelle.“ Dort finde man meist auch Hakenkreuz-Schmierereien. Diese Orte seien klassische Kontaktpunkte zur rechtsradikalen Szene, so sein Wissen aus "zig Gesprächen". Erst stehe man dabei, wie jemand ein Hakenkreuz ins Holz ritzt. Irgendwann bekomme man dann eine Einladung auf eine Party, auf der rechtsradikale Musik läuft. Sobald einem bewusst werde, in welchen Kreisen man ist, stehe jeder vor der Wahl: Soll man sich den offenen Anspielungen und fremdenfeindlichen Sprüchen entgegenstellen oder sie einfach hinnehmen? Kritiker verstummen Je mehr Mitglieder der Gruppe sich die Sache schön redeten, desto mehr Kritiker würden verstummen, erläuterte er den Schülern. Nach und nach stehe man mit seiner Meinung allein da. „Und wer will schon vier Jahre auf einer Schule allein dastehen?“, fragte Tiedemann in die Runde. Neben bewusster, rechtsradikaler Geschichtsfälschung würde sogenannter Geschichtsrevisionismus vielen helfen, das schlechte Gewissen zurechtzurücken. Geschichtsrevisionismus will geschichtliche Inhalte nicht ändern, sondern die Entstehung von Geschichte umdeuten. Rechtes Gedankengut komme aber auch besonders unterschwellig daher, so Tiedemann. Als Beispiel führt er die Aussage an: „Hitler hat die Autobahnen gebaut und damit Arbeitsplätze geschaffen.“ Ebenso sei der Terminus zu bewerten: „Bei Hitler konnte eine Oma noch sicher über die Straße gehen.“ Der Wahrscheinlichkeitsrechnung nach komme jeder Mensch im Bekanntenkreis mit solchen Sprüchen in Kontakt. Mal sei es der Verwandte mit dem rüden Humor, dann wieder der Kumpel aus dem Fußballverein, der doch eigentlich ganz nett ist. Deutsch-Lehrerin Tanja König hatte das Programm zum Holocaust-Gedenktag mit 24 Schülern vorbereitet. Das Thema lautete „Wider des Vergessens". Die Jugendlichen hatten sich seit November 2019 mit Holocaust-Literatur kreativ auseinander gesetzt. Einige von ihnen seien im Laufe der Vorbereitungen zu Tränen gerührt gewesen, wie König weiß. Das Projekt ziele unter anderem auf die schleichende Verrohung der Sprache ab. Die Schüler sollten begreifen, dass es ihr eigenes Leben betrifft. „Die Schule ist keine Insel; es ist meine Identität“, sagte König. Die Gesellschaft habe sich geändert. Früher habe man im Kreis der Familie die Tagesschau geguckt, um sich zu informieren, erläuterte Anja Printz, Leiterin der Sekundarstufe II an der IGS. Mittlerweile aber würden viele Schüler ihr Wissen allein über Messenger-Dienste beziehen. „Wir sind als Schule nun ganz anders gefordert.“ Deshalb solle das Projekt wiederholen werden. „Wir können uns gut vorstellen, den Holocaust-Gedenktag dauerhaft in unser Schulprogramm aufzunehmen“, betonte Anja Printz im Gespräch mit der Redaktion. Christian Valek "Die Schule ist keine Insel“

Osterholzer Kreisblatt vom 28. Januar 2020